Gebraucht – wieso, weshalb, warum und wo

Der Kauf eines neuen Computers stellt viele „normale“ user vor eine Mammutaufgabe, vergleichbar mit einem Autokauf. Es wollen technische Eckdaten und Preise verglichen werden, und kennt man niemanden vom Fach der das übernimmt, fühlt man sich im Dschungel der technischen Detaillisten schnell verloren.

Hat man eine ungefähre Vorstellung in welchem Leistungsbereich das Gerät liegen soll vereinfacht das die Suche natürlich enorm. Zum Thema: „Was sollte mein PC/ Notebook können“ wird es hier auch noch einen ausführlichen Artikel geben.

Wenn man nicht gerade von Gaming lebt oder 3D Modelle am PC rendert und damit auf state-of-the-art Technologie angewiesen ist, empfiehlt es sich allerdings immer (soviel vorweg) gebrauchte Hardware zu kaufen, und zwar aus zwei Gründen: Nachhaltigkeit und Preis.

Nachhaltigkeit

Der Logistik- und Ressourcenaufwand für einen einzigen Computer ist geradezu unvorstellbar. In der industriellen Lieferkette arbeiten hunderte Unternehmen aus allen Teilen der Welt an der Fertigung eines Geräts, von der Rohstoffgewinnung über die Montage bis zur Auslieferung an den Endkunden.

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Dabei werden große Mengen CO² freigesetzt. Für ein Notebook etwa sind es pro Gerät ca. 240kg ohne Logistik. Seltene Erden wie Neodym oder Dysprosium werden für (HDD-) Festplatten oder Displays benötigt und Metalle wie Coltan, Gold, Kupfer oder Zinn müssen aufwändig geschürft werden.

Die Ressourcen können teilweise nur mithilfe extrem umweltschädlicher Aubbauverfahren gewonnen und/oder nicht hinreichend recycelt werden. Dazu kommen Tonnen von Abfall und lange Transportwege schon bei den kleinsten Bauteilen, die zusätzlich die Öko-Bilanz trüben.

Die Arbeiter, sowohl in den Minen als auch in der Fertigung, sind giftigen Stoffen oft schutzlos ausgesetzt und werden schlecht bezahlt. Gerade erst hat Samsung Entschädigungen für krebskranke Mitarbeiter zugesichert.

Zusätzlich, etwa im Coltan Abbau im Kongo aber auch anderswo, finanzieren Militärs ihre Bürgerkriege von den Erträgen der Minen oder Wegzöllen auf den Routen zu Zwischenhändlern. Informationen über die Herkunft der Rohstoffe ist von den Herstellern nicht zu bekommen, da sie selbst auf den Weltmärkten keine Möglichkeit haben zu überprüfen, aus welcher Mine die Ressourcen abgebaut wurden.

Das Problem:
Wer verantwortungsbewusst kaufen will hat bei IT keine Chance. Die Industrie ist zu komplex und intransparent. Es gibt weder annähernd zureichende soziale noch ökologische Zertifizierung der Rohstoffe oder Bauteile, geschweige denn eine Kennzeichnung der Herkunft. Es gibt auf dem Markt schlicht kein Angebot.

Was kann man also tun?

Als Endkunde kann ich mich trotzdem nachhaltig Verhalten; und zwar indem ich gebrauchte IT kaufe. Selbstverständlich wurden auch für gebrauchte Geräte Rohstoffe geschürft, Bauteile montiert und Transportwege zurückgelegt. Je länger jedoch ein einzelnes Gerät genutzt wird, desto geringer wird banaler Weise der allgemeine Bedarf nach Neugeräten. Das hängt mit dem Nutzungszyklus zusammen. Kaufe ich über eine Lebensspanne von 60 Jahren im Schnitt alle drei Jahre ein neues Notebook, sind es insgesamt 20 Geräte. Nutze ich die Notebooks im Schnitt fünf Jahre, sind es schon nur noch 12.

Das wirkt sich auch auf die Gesamtbilanz aus. Nehmen wir als einfaches Beispiel zwei Personen. Wenn beide über 60 Jahre Notebooks kaufen und diese drei Jahre lang nutzen,  haben sie zusammen einen Bedarf von 40 Notebooks. Person 1 eine kauft alle drei Jahre ein neues Notebook und verkauft sein altes an Person 2. Diese/r nutzt das Gerät dann weitere drei Jahre, um anschließend wieder das „neue alte“ Gerät von Person 1 zu kaufen. Damit schmilzt der Bedarf an Neugeräten um die Hälfte auf 20 und halbiert damit auch die eingesetzten Ressourcen.

Der Preis

Machen wir uns nichts vor, Nachhaltigkeit ist schön und gut, aber der Preis spielt in aller Regel eine, wenn nicht die Hauptrolle beim Kauf. Und genau da sind bei gebrauchter IT durchaus größere Sprünge möglich. Für gebrauchte PCs und Notebooks lassen sich Preisvorteile bis zu 50%, bei Smartphones sogar noch mehr gegenüber dem selben Gerät als Neuware oder gleichwertigen Geräten erzielen.

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Das hat in der Regel nur bedingt technische Gründe. Vor allem die Optik, also wie abgegriffen die Tastatur oder verkratzt das Plastik ist, spielt eine große Rolle bei der Preisbewertung von Geräten, haben aber keinerlei Einfluss auf den technischen Zustand. Oft sind Geräte gar nicht tatsächlich gebraucht im Sinne von in Benutzung gewesen, sondern Ausstellungsgeräte, Widerrufsrückläufer oder Ähnliches. Wer also ein Notebook oder Smartphone wegen seiner inneren Werte und nicht als Lifestyle-Accessoire schätzt, kann hier richtig Geld sparen.

Wo bekomme ich gebrauchte IT?

Generell ist stark davon abzuraten gebrauchte Geräte von Privatpersonen außerhalb des direkten Umfelds zu kaufen, also etwa auf eBay. Das hat einen einfachen Grund: Selbst wenn der Verkäufer nur beste Motive hat, kann er das Gerät in 99% der Fälle weder überprüfen noch fachmännisch beurteilen. Kein normaler Mensch hat professionelle Diagnosetools zu Hause zur Hand. Außerdem hat man bei privaten Anbietern keine Gewährleistung, die bei Händlern für mindestens 1 Jahr gesetzlich vorgeschrieben ist.

Gute 40% kaufen ihre Computer im Einzelhandel, wovon der größte Teil wohl auf große Anbieter wie Media-Markt, Saturn oder AV-Markt entfällt. Doch selbst der sogenannte „Aldi PC“ erfreut sich immer großer Beliebtheit.

Für den Einzelhandel spricht aus Sicht der Käufer vor allem eins: Ein Ansprechpartner. Egal ob Beratung beim Kauf oder Probleme danach, das Gefühl einer kompetenten Betreuung schlägt oft die Preisvorteile des Internets, denn dort sind gleichwertige Geräte fast immer deutlich günstiger zu haben.

Dabei gibt es allerdings ein Problem: In der Regel führen große Anbieter wie Media-Markt keine gebrauchten Geräte.

Zu empfehlen ist daher der Kauf beim kleineren, gut sortierten Fachhändler, egal ob off- oder online und im Idealfall direkt beim Refurbisher. So kann man sich sicher sein, dass die Geräte fachmännisch diagnostiziert, gesäubert oder repariert sind. Falls der Händler ein Ladengeschäft betreibt ist es natürlich immer gut, dort vorbeizuschauen und das begehrte Gerät in die Hand nehmen zu können.

Kratzer oder kleine Macken sind optische Makel, die keinen Aufschluss über technischen Zustand oder Refurbishing zulassen. Lediglich Pixelfehler oder Schlieren auf dem Display lassen sich bei Betrachtung von außen erkennen.

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Worauf stattdessen geachtet werden sollte ist, ob das Gerät sauber ist. Klebt noch etwas vom Vorbesitzer auf der Tastatur oder sind Dreckflecken oder -Spritzer auf dem Display kann man ziemlich sicher sein, dass das Gerät auch innerlich nicht gründlich aufbereitet wurde. Definitive Schlüsse lassen sich vom bloßen Betrachten allerdings nicht ziehen.

Viele Anbieter sind Partner bei großen Hardwareherstellern oder als Refurbisher zertifiziert, z.B. durch Microsoft. Dies kann ein Hinweis auf einen seriösen Händler sein, ebenso wie die üblichen Vergleichs- oder Rezensionsportale und Erfahrungsberichte.

Qualität

Quasi alle Händler von gebrauchter IT unterscheiden zumindest zwischen Neu, A- und B-Ware. Dabei gibt es keinen Standard. Einige Händler unterscheiden lediglich Neu und Gebraucht in A- und B-Ware, andere differenzieren zwischen Neu-, Renew-, A-, B- und C-Ware.

Wer sicher sein möchte was die Zustandsdeklaration im Einzelnen zu bedeuten hat sollte direkt beim Händler schauen oder erfragen, wie diese zustande kommt. Im Zweifel empfiehlt sich auch hier, wenn möglich, das Gerät vor Ort in Augenschein zu nehmen.

Vorurteile…

Viele schrecken vor dem Kauf von gebrauchten IT Produkten aus den falschen Gründen zurück. Bei quasi allen teureren Anschaffungen (z.B. Autos, Sofas oder Schmuck) gibt es einen etablierten, öffentlich präsenten Markt der nicht von einem Nachhaltigkeitsgedanken lebt, sondern von der Tatsache dass die Produkte noch „einwandfrei“ sind, aber günstiger.

Doch auch das „Schrott-Image“ von gebrauchten IT Geräten ist fehl am Platze. Außer Akkus und Festplatten (dazu weiter unten) gibt es eigentlich keine Verschleißteile an den Geräten. Soll heißen bei normaler Beanspruchung erleiden in der Regel keine teuren, irreparablen Bauteile einen Schaden, laufen also weit länger als wir unsere Geräte trotz Obsoleszensproblematik nutzen.

Dazu kommt das Gefühl, alle paar Jahre seine Hardware verbessern oder austauschen zu müssen, um die neueste Software anwenden zu können. Das ist im Bereich normaler Nutzung allerdings völlig unangebracht und ist nur für die Leute relevant die fortgeschrittene Anwendungen wie high-end Games, Bildbearbeitungssoftware oder Post-Production nutzen. Für alle die hauptsächlich mit Textbearbeitungssoftware oder dem Browser arbeiten sind teure state-of-the-art Geräte absolut unnötig und Geldverschwendung. Man würde sich auch keinen Ferrari kaufen wenn man nie schneller als 30km/h fährt.

…und tatsächliche Schwächen von gebrauchter IT

IT Geräte haben Sollbruchstellen bzw. Verschleißteile, die sich nun einmal abnutzen. Das sind bei mobilen Geräten wie Notebooks, Tablets oder Smartphones vor allem die Akkus. Bei Notebooks und PCs auch die Festplatten, obwohl sich hier die Halbwertszeiten zwischen dem herkömmlichen HDD und dem neuen SSD Format deutlich zugunsten der SSD unterscheiden.

Kein seriöser Händler wird eine Aussage über die Laufzeiten der Akkus treffen, da er es schlicht nicht kann (es sei denn, es wurde ein fabrikneuer Akku eingebaut). Auch die Lebenszeiten von Festplatten lassen sich nicht vorhersagen. Sollte man bei einem Angebot dazu Angaben finden, ist die Wahrscheinlichkeit hoch dass hier jemand Schrott verkaufen will.

Hat man bei einem seriösen Händler gekauft ist das natürlich trotzdem keine Garantie dass alle Bauteile für immer und ewig halten. Aber innerhalb der Gewährleistung muss bei Schadensfall der Austausch der Bauteile vom Händler übernommen werden, bzw. ein gleichwertiges anderes Gerät gestellt werden. Selbst nach dem Ablauf der Gewährleistung zeigen sich Händler hier in der Regel kulant, da die Kundenbindung in einer Hochpreis-Branche wie IT-Verkauf extrem wichtig ist.

Dazu kommt, dass auch die eigenhändige Reparatur von Akkus und Festplatten weder kompliziert noch teuer ist, sodass sich der Gebrauchtkauf auch dann noch ökonomisch deutlich lohnt.

td;dr

Gebrauchte IT ist nachhaltiger und günstiger als neue Geräte. Man sollte beim Kauf jedoch darauf achten, dass es sich um einen seriösen Händler, im Idealfall direkt den Refurbisher handelt.

 

 

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